Vom Goldrausch zur Start-up-Kultur

Prof. Dr. Michael Stützer publiziert im renommierten Journal of Business Venturing

Wenn Goldgräber in historischen Flussbetten nach Unzen suchten, ging es meist um das schnelle Geld und das eigene Überleben. Doch aus diesem individuellen Antrieb schufen sie das Fundament für eine regionale Wirtschaftskultur, die selbst 170 Jahre später noch nachwirkt: Regionen, die im 19. Jahrhundert vom Goldrausch in Kalifornien und anderen Bundesstaaten geprägt waren, zeichnen sich noch heute durch eine konstant erhöhte Gründungsaktivität aus. 

Erbe der Pioniere: Netzwerke und Risikobereitschaft

Der Grund: Der Goldrausch zog überproportional viele risikofreudige und unternehmerisch denkende Menschen an. Selbst als das Gold längst abgebaut war, blieben die unternehmerischen Rollenvorbilder, die geschaffenen Netzwerke, Normen und lokalen Institutionen bestehen – weltbekannte Unternehmen wie Wells Fargo oder Levi Strauss & Co. zeugen bis heute davon.

Internationale Studie unter Federführung der DHBW

Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie von Prof. Dr. Michael Stützer, Ökonom und Professor an der DHBW Mannheim, sowie Wissenschaftlern der University of Texas at Austin (UT) und der University of Cambridge. Sie belegt, wie historische Völkerwanderungen die Entstehung von Start-up-Ökosystemen und den unternehmerischen Geist über Generationen hinweg prägen. Für die Studie untersuchte das Team über 3 000 US-Regionen und Zensusdaten seit 1850. „Wirtschaftspolitik versucht häufig, Gründungs-Hotspots auf der grünen Wiese zu erschaffen. Unsere Forschung zeigt jedoch, dass regionale Ökosysteme stark von ihrer Geschichte geprägt werden“, erklärt Autor Prof. Stützer.

Top-Publikation in führendem Fachjournal

Veröffentlicht wurde der Artikel im Journal of Business Venturing. Die Fachzeitschrift gilt weltweit als das führende Journal für Entrepreneurship und gehört international zu den Top 10 der Managementforschung. Im Gespräch erklärt Prof. Stützer, was die Ergebnisse für die Praxis bedeuten.

Interview mit Prof. Dr. Michael Stützer

Obwohl Migration unternehmerische Aktivitäten stark beeinflusst, wurde ihre Bedeutung für anhaltende regionale Unterschiede im Entrepreneurship bis zu Ihrer Publikation kaum erforscht. Was war für das Forschungsteam der Auslöser, um sich mit diesem Thema zu beschäftigen und wie kam die Zusammenarbeit mit der UT sowie Cambridge zustande? 

Es gab schon Forschung, die den positiven Einfluss des Goldrausches auf die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen zeigte. Mein Kollege von der University of Amsterdam wurde darauf aufmerksam und diskutierte mit mir darüber, ob die gleichen individuellen Persönlichkeitseigenschaften, welche Menschen in den Goldrausch zogen, auch für unternehmerisches Handeln wichtig seien. Vor allem Offenheit für Neues und Risikobereitschaft konnten wir als Gemeinsamkeiten feststellen – das war unser Startpunkt für diese Studie. 

Aus der Historie schlagen Sie nicht nur einen Bogen in die Gegenwart und skizzieren den Ist-Zustand in den USA, Sie adressieren mit Ihren Ergebnissen auch politische Entscheidungen und transferieren sie in eine sinnvolle Unternehmenspolitik. Wie fallen Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus? Was bedeutet Ihre Studie für eine moderne Wirtschafts- und Regionalpolitik?

Hier gibt es mehrere Ansatzpunkte. Erstens hat die Migration risikobereiter Menschen langfristig einen positiven Einfluss auf die Wirtschaft. Die aktuelle Politik will Migration wegen ihren zum Teil negativen Wirkungen beschränken. Man hat dabei aber die positiven Auswirkungen für unsere alternde Gesellschaft aus den Augen verloren. 

Ein zweiter wichtiger Ansatzpunkt für Wirtschaftspolitik sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Diese sind fundamental wichtig bei der Frage, ob Menschen sich selbstständig machen oder eher in eine Anstellung oder den öffentlichen Dienst gehen. Hier schnitten und schneiden noch heute Goldrausch-Regionen besser ab als andere US-amerikanische Regionen. Im Vergleich dazu steht Deutschland viel schlechter da. 

Drittens müssen wir in Deutschland die Gründungskultur stärken. Das fängt bereits mit dem Bild von unternehmerisch tätigen Personen in Medien und Gesellschaft an – es ist hauptsächlich negativ. Nehmen wir beispielsweise den Tatort: Die meisten schuldigen Personen sind Unternehmerinnen und Unternehmer. 

Der Goldrausch zog risikofreudige Menschen an. Wie schafft man es heute – etwa an einer Hochschule wie der DHBW Mannheim –, jungen Menschen genau diesen unternehmerischen Geist zu vermitteln? 

In meiner Forschung schaue ich oft auf die regionalen Unterschiede bei Entrepreneurship. Ich ermutige meine Studierenden zu prüfen, wo für sie die besten Rahmenbedingungen herrschen: Wo finde ich ein gutes Gründungsteam? In welchen Regionen gibt es leichter Risikokapital für Gründungen? Zum Glück ist Mannheim eine Region mit einer sehr hohen Gründungsquote und einer stärker ausgeprägten Gründungskultur in Deutschland. Man macht also vieles richtig, hier eine Unternehmensgründung zu wagen. Und wenn man scheitert, hat man viel gelernt für den zweiten Versuch.

Ihre Studie belegt, dass der Zuzug von mutigen Menschen entscheidend für die Entstehung von Start-up-Zentren war. Wenn Migration der Schlüssel für Innovation ist: Welche gesellschaftlichen Voraussetzungen braucht eine Region, um diese risikofreudigen Menschen anzuziehen und zu halten? Und lassen sich diese Merkmale auch bei erfolgreichen deutschen Gründungs-Hotspots wie Berlin, München oder dem Rhein-Neckar-Raum beobachten?

Migration ist immer verbunden mit der Übernahme von Risiken. Das war früher so, wenn man im 19. Jahrhundert z. B. aus New York 3 bis 6 Monate unterwegs nach Kalifornien war, und auch heute, wenn Menschen durch Afrika ziehen und auf Schlauchbooten das Mittelmeer überqueren. Für unternehmerisches Handeln und Innovationen benötigt man ebenfalls eine große Portion Risikobereitschaft: Man verlässt ausgetretene Pfade und wagt Neues. Es ist daher nicht überraschend, dass München, Berlin und die Rhein-Neckar-Region in Deutschland führend sind. Sie ziehen risikobereite Menschen an, die teils Unternehmen gründen, die Wirtschaft voranbringen und als Rollenvorbilder dienen.

Ich möchte auch betonen, dass die Politik früher und auch heute Einfluss darauf hat, ob Menschen in eine Region kommen oder diese verlassen. Die Kurpfalz zeichnete sich im Laufe der Geschichte oft durch eine migrationsfreundliche Politik aus. Ich denke dabei an die religiöse Toleranz, die dazu führte, dass viele Glaubensflüchtlinge nach dem Dreißigjährigen Krieg zuzogen. In Heidelberg steht eine der ältesten Universitäten Deutschlands, die früh Forschende und Studierende anzog. Kulturell gilt das 18. Jahrhundert als Blütezeit der Pfalz mit bedeutenden Leistungen in Musik und Theater. Ähnlich ist die Geschichte der Stadt Berlin, die von religiöser Toleranz im 17. und 18. Jahrhundert profitierte. Kulturell und wissenschaftlich erlebte die Stadt mehrere Blüteperioden und auch heute zieht es viele Menschen nach Berlin, wo viel Neues ausprobiert wird. Vieles davon wird sich nicht durchsetzen und verschwinden. Anderes wird das Leben und die Gesellschaft später mitprägen. Hier liegen auch die Parallelen zu unternehmerischer Aktivität und Innovation – in einem Klima der Toleranz entsteht Neues. Dieses Zusammenspiel zwischen Toleranz, Kultur und wirtschaftlicher Entwicklung hat bereits der bekannte Geograph Richard Florida vor 25 Jahren beschrieben. Daran hat sich nichts geändert.

Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis aus dem Forschungsprojekt? 

Was zugleich wichtig, aber auch immer stark unterschätzt wird, ist die Tatsache, wie dauerhaft die regionalen Unterschiede sind. Der Goldrausch liegt mehr als 150 Jahre zurück, aber noch heute weisen diese Regionen im Schnitt 20 bis 25 % mehr unternehmerische Aktivität auf. Regionen, die früher eine hohe Zahl an Unternehmensgründungen hatten, verzeichnen diese in der Regel heute auch, und werden es wahrscheinlich in 100 Jahren weiterhin tun. Um das zu verändern, muss die Wirtschaftspolitik dicke Bretter bohren und einen langen Atem haben.

Zum Autor Prof. Dr. Michael Stützer

Prof. Dr. Michael Stützer ist seit 2015 Professor für Volkswirtschaftslehre und Quantitative Methoden an der DHBW Mannheim im Studiengang BWL - Industrial Business Management. Der Schwerpunkt seiner empirischen Forschung liegt auf Entrepreneurship, Ökonomische Geografie und Wirtschaftspsychologie. Seine Arbeiten zu regionalen Gründer-Ökosystemen und unternehmerischen Persönlichkeiten erscheinen regelmäßig in führenden internationalen Fachzeitschriften.